Mumbai – Goa: Eine Zugfahrt die ist lustig…

Der Morgen des 26. März begann für uns sehr früh. Wir hatten beim Hotel einen Fahrer bestellt, der uns zum Bahnhof bringen sollte. Um 7.10 Uhr sollte unser Zug losfahren. In der Travel Agency wurde uns mit erhobenem Zeigefinger und sehr strenger Stimmt mitgeteilt, dass wir auf jeden Fall eine, aber besser noch eineinhalb Stunden früher am Bahnhof sein sollen. Gesagt, getan. Das hieß für uns jedoch sehr früh aufstehen. Die Sachen hatten wir schon am Abend vorher gepackt und um 5.15 Uhr standen wir wie abgemacht an der Rezeption. Auschecken, bezahlen und auf den Fahrer warten. Als wir in das Auto einstiegen war die Freude groß: Es war derselbe Fahrer der uns auch schon vom Flughafen abgeholt hatte und den wir so mochten. Shrikant, wie wir schon auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel erfahren hatten, kommt aus Chennai, das liegt in Tamil Nadu einem sehr südlich gelegenen Bundesstaat. Er spricht gut Englisch und unterhält sich viel mit uns auf der Fahrt.

Er hat immer so ein warmherziges Lächeln auf den Lippen, er ist uns gleich sympathisch. Shrikant erzählt uns, dass seine Frau und sein Sohn in Chennai wohnen, dass er nur 20 Tage Urlaub im Jahr hat und sie daher nur selten sieht. Seine Frau ist wieder schwanger und er wird am 20. Mai nach Chennai fahren. Mit dem Zug benötigt er dafür 4 Tage, 2 Tage hin und 2 Tage zurück.

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Lenny und Shrikant
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Caro und Shrikant

Die Fahrt durch das noch nächtliche Mumbai ist eine besondere Erfahrung. Der ganze Trubel des Tages ist verschwunden, die Straßen wirken leer. Hier und da sieht man einige Männer Waren auf Karren laden, Kühe suchen nach Essbarem, sonst ist es jedoch eine ganz andere Welt. Wir schauen noch etwas verschlafen aus dem Fenster und versuchen uns dieses Bild einzuprägen. Am Bahnhof angekommen steigen wir aus dem klimatisierten Auto aus und es trifft uns mit voller Wucht: Es ist heiß und schwül, am Bahnhof stehen, im Gegensatz zur fast menschenleeren Stadt, sehr viele Reisende, die entweder am Ziel angekommen sind oder ihre Reise noch vor sich haben. Shrikant parkt den Wagen und wir betreten gemeinsam mit ihm die Wartehalle. Überall sitzen und liegen Menschen, sie warten oder schlafen. Ein unerträglicher Gestank, der in der Nase brennt und bei dem man den Drang verspürt die Luft anzuhalten, empfängt uns. Es ist eine Mischung aus menschlichen Exkrementen und Ausdünstungen, Fisch und altem Öl. Man kann diesen Geruch nicht beschreiben, man muss ihn selbst gerochen haben. Wenn selbst die Inder versuchen, sich durch Atemmasken oder Schals vor Mund und Nase gegen den Gestank zu schützen, muss das schon was heißen. Shrikant begleitet uns zu unserem Gleis und wartet hier mit uns über eine Stunde bis wir in unser Abteil einsteigen können. Er trägt unseren Tagesrucksack und wir unterhalten uns mit ihm. Wir erzählen ihm von unserer geplanten Reise und er freut sich sehr, dass wir Indien als Start unserer Weltreise gewählt haben. Er schweigt eine Weile, dann sagt er: „You have a very good life. You are very lucky. It is unfair.“ Wir stimmen ihm zu und werden nachdenklich. Dieser Mann arbeitet sein ganzes Leben als Fahrer und wird nie die Möglichkeit haben sein Land zu verlassen. Als er von Chennai nach Mumbai kam um hier Arbeit zu finden, musste er zuerst Hindi lernen. In Indien gibt es so gut wie in jedem Bundesland eine andere Sprache. Shrikant spricht Tamil, um Fahrer zu werden muss er Hindi sprechen. Er verdient nicht viel, versichert uns aber, dass der Job als Fahrer ein guter Job ist. Er schickt Geld nach Hause und sieht seine Familie 16 Tage im Jahr. Das ist verglichen mit unserem Leben mehr als unfair. Uns tut Shrikant leid und wir werden etwas traurig. Doch wie immer in Indien hat man nicht lange Zeit über etwas nachzudenken (außer man liegt hier am Strand in Goa), die Zugtüren öffnen sich. Shrikant begleitet uns zu unseren Sitzplätzen und wir drücken ihm 100 Rupien in die Hand (rückblickend finden wir das etwas wenig, es sind umgerechnet 1,30€). Er will es erst nicht annehmen, doch als Lenny ihm sagt, dass er es für sein zweites Kind nehmen soll, willigt er dann doch ein. Er bedankt sich sehr, sehr herzlich bei uns und verlässt dann das Abteil. Wir werden Shrikant sicher nicht mehr vergessen.

Im Internet hatten wir gelesen, dass es in unserer gebuchten Klasse (2AC) sehr einfach wäre mit Einheimischen in Kontakt zu kommen, dass sich das nur gebildetere Inder (mit Englischkenntnissen) leisten könnten und dass man hier viele nette Gespräche führen könnte. Das Gegenteil war bei uns der Fall. Uns gegenüber sitzt eine indische Familie: Vater, Mutter und Sohn. Wir erfahren nur sehr wenig, die Englischkenntnisse des Vaters sind eher schlecht, die Frau spricht absolut nichts mit uns und der kleine Junge (sein Englisch ist besser) traut sich nicht mit uns zu reden. Die Unterhaltung gestaltet sich daher etwas schwierig. Wir erfahren, dass sie aus Raipur im Nordosten von Indien kommen und die Schwester des Vaters in Goa besuchen. Es kam uns so vor, als wären sie sehr konservativ. Wenn ich den Vater etwas gefragt habe, bekam ich nur das typische indische Kopfgewackel als Antwort, die eigentliche Antwort wurde dann an Lenny gerichtet. Ich hab es dann irgendwann aufgegeben und den Rest der Zugfahrt gelesen oder die vorbeiziehende Landschaft beobachtet. Da wir einen Sleeper gebucht hatten (oben ein Bett zum rausklappen, unten eine Sitzbank), konnten wir abwechselnd auch etwas schlafen. Indische Zugfahrten sind schon ein ganz besonderes Erlebnis. Wir hätten die gleiche Strecke in 1 ½ Stunden mit dem Flugzeug fliegen können (für den gleichen Preis), aber wir haben uns für die „real India experience“ entschieden und den Zug gewählt. Während man da so aus dem Fenster schaut und die Landschaft an sich vorbei ziehen sieht, laufen Verkäufer die engen Gänge des Zugs entlang und verkaufen Essen und Trinken. Ihre monotonen Rufe klingen fast schon wie Musik „Lollipop-Chicken-Tomatosoup“, „Lollipop-Chicken-Tomatosoup“ oder „Chai-Chai-Chai-Chai“. Wir halten an irgendeinem Bahnhof, ich schaue von meinem Buch auf und aus dem Fenster. Eine Kuh steht am Bahnhof und frisst aus einem Mülleimer. Das gibt es auch nur in Indien. Nach 14 Stunden erreichen wir den Bahnhof in Margao, die zweitgrößte Stadt in Goa. Zuvor stand unser Zug ca. eine Stunde irgendwo im Nirgendwo und keiner konnte uns sagen wieso und weshalb. Auch das ist Indien. Wir sind beide ziemlich fertig und wollen nur noch nach Agonda in unsere Strandhütte.

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Was wir in Goa erlebt haben erfahrt ihr in unserem nächsten Eintrag!

Namasté! Caro & Lenny

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